21.06.2019 ‐ Finanzmarkt aktuell

Das Niedrigzinsumfeld und die Anleihen – eine Standortbestimmung

Nachdem die EZB Gefahr lief das Inflationsziel einer Teuerung von unter, aber nahe 2% immer weiter aus den Augen zu verlieren, wurde im Jahr 2012 der Einlagesatz erstmalig auf 0% gesenkt.

Da der Erfolg dieser geldpolitischen Maßnahme überschaubar blieb, folgten ab dem Jahr 2014 weitere vier Zinssenkungen bis das aktuelle Niveau von -0,40% erreicht wurde. Aufgrund der nach wie vor ausbleibenden Inflation, gepaart mit einer sich abschwächenden Konjunktur gehen viele Kapitalmarkteilnehmer davon aus, dass im Herbst eine erneute Zinssenkung von 10-20 Basispunkten folgen wird. Einlagen bei der EZB würden demnach noch stärker abgestraft werden. Diese anhaltende Niedrigzinspolitik hat die Kapitalmärkte nachhaltig verändert und diese Entwicklung kann vor allem an den gehandelten Renditen sowie Risikoaufschlägen beobachtet werden.

Viele Marktteilnehmer stehen unter starkem Veranlagungsdruck, das heißt, sie sehen sich unabhängig vom Zinsumfeld gezwungen, freies Kapital zu veranlagen. Da die meisten Investoren aufgrund von hauseigenen Veranlagungsrichtlinien nur bedingt in andere Assetklassen ausweichen können, fließt ein Großteil der freien Mittel in den Anleihemarkt. Eine Kombination aus Veranlagungsdruck und der von der Notenbank herbeigeführten Überliquidität hat die Renditen auf den Anleihenmärkten auf rekordverdächtige Niveaus gedrückt.

 

Was sind die Auswirkungen?

Betrachtet man den liquiden Markt für Staatsanleihen, zeigen sich die Auswirkungen der EZB-Politik und das daraus resultierende Investorenverhalten deutlich. Aktuell werden sämtliche deutschen Bundesanleihen zu negativen Renditen gehandelt. Dies umfasst einen Laufzeithorizont bis rund 30 Jahren. Im Vergleich dazu rentieren österreichische Staatsanleihen erst bis 15 Jahren negativ. Selbst wirtschaftlich angeschlagene Staaten können sich verhältnismäßig günstig refinanzieren. So emittierte Griechenland im März dieses Jahres eine neue 10-jährige Staatsanleihe, welche einen Aufschlag von 3,73% auf eine laufzeitähnliche deutsche Bundesanleihe zahlte. Die 2,5 Mrd. Euro Emission wurde von einem Investorenansturm mit Geboten über knapp 12 Mrd. Euro aufgenommen, das eine ca. 4,5-fachen Überzeichnung bedeutet. Inzwischen hat sich der Aufschlag der Anleihe auf 2,57% verringert. Selbst Kuriositäten wie 100-jährige Staatsanleihen konnten in diesem Umfeld erfolgreich platziert werden.

Die Spuren der Notenbankeninterventionen sind auch bei den Unternehmensanleihen ersichtlich. Inzwischen weisen 61% der Euro-denominierten Unternehmensanleihen bis 10 Jahre Laufzeit eine negative Rendite auf. Insbesondere solche mit einer kurzen Restlaufzeit erwirtschaften nur noch selten eine positive Rendite für Investoren. Auch in diesem Anleihesegment wurden bei Neuemissionen regelmäßig 3-fache Überzeichnungen und darüber erzielt. Das Ende der jetzigen Sommerpause bei Neuemissionen wird daher mit Spannung erwartet, da der Investitionsdruck und dessen Folgen zum Jahresende hin noch deutlicher werden könnten.

Auch in diversen weiteren Anleihesegmenten zeigen sich die aufgezeigten Effekte, da viele Marktteilnehmer in die Breite getrieben und die unterschiedlichsten Anleihesegmente zum Investitionsziel wurden.

 

Wie geht es weiter?

In Zeiten historisch geringer Zinsen müssen Marktteilnehmer ihre Neu- und Wiederveranlagungen anpassen. Insbesondere zwei Tendenzen lassen sich beobachten.

Zum einen veranlasst die Suche nach positiver Rendite viele Marktteilnehmer dazu größere Risiken einzugehen, um eine höhere Risikovergütung zu erhalten. Eine wahrgenommene Möglichkeit ist es in Anleihen zu investieren, welche eine geringere Bonität aufweisen. Dadurch stieg und steigt die Nachfrage nach Anleihen aus dem unteren Investmentgrade-Bereich. Selbst negative Renditen bei Anleihen aus dem Non-Investmentgrade-Segment sind bereits vereinzelt zu finden.

Zum anderen findet eine Veranlagung in längeren Laufzeitensegmenten statt, um die ansteigende Zinskurve zu nutzen. Diese Nachfrage drückt die erzielbaren Renditen bei den länger laufenden Anleihen weiter, das in weiterer Folge die Suche nach Anleihen mit noch längerer Laufzeit befeuert. Ein gleichzeitiges Eingehen von erhöhtem Zinsänderungsrisiko scheinen viele Marktteilnehmer in Kauf zu nehmen.

Eine zusätzliche Tendenz dürfte sich in naher Zukunft manifestieren - die breitere Investition in negative Renditen. Hier würden insbesondere Opportunitätsbetrachtungen solche Investitionen für die einzelnen Marktteilnehmer rechtfertigen. Investitionen zu leicht negativen Renditen sind demnach besser als zu stärker negativen Renditen.

 

Was bedeuten diese Entwicklungen für individuelle Veranlagungen?

Klar ist, dass das aktuelle Renditeniveau zahlreiche Risiken in sich birgt. Prinzipiell lechzt der Gesamtmarkt nach positiver Rendite und damit herrscht eine konstante Nachfrage. Ein weiteres Problem ist die sogenannte Überliquidität, welche unter anderem eine Folge der negativen Zinsen ist. Diese befeuert zusätzlich den Kauf von Wertpapieren. In einem Umfeld in dem eine 5-jährige deutsche Staatsanleihe mit -0,76 % rentiert, haben sich viele Investoren auch mit negativen Renditen bei Unternehmensanleihen mit gleicher Laufzeit arrangiert, da in diesem Segment die Renditen zwar auch negativ aber spürbar weniger unter 0% sind.

Leider ist in den nächsten ein bis zwei Jahren zumindest im Euroraum keine Verbesserung in Sicht. Umso wichtiger ist es, für den aktiven Anleger auch immer das Risikoprofil des Unternehmens gut zu analysieren und sich nicht nur mit der „absoluten“ Rendite zu befassen. Und all jene, die nun auf den Geschmack einer 100-jährigen Anleihe gekommen sind, können den Kauf der Österreichischen Staatsanleihe RAGB 2.1 09/20/17 in Erwägung ziehen. Diese erzielt noch eine Rendite von stolzen 0,83%. Eine Möglichkeit sich das Risiko-Ertrag Verhältnis ganz praktisch vor Augen zu führen…

 

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