23.02.2021 ‐ Finanzmarkt aktuell

Währungsausblick GBP: Ein Pfund Brexit, bitte!

Das britische Pfund setzt seine Erholung trotz einer schwachen britischen Wirtschaft und diversen Handelsrestriktionen nach dem Brexit unbeirrt fort. Der EUR/GBP Wechselkurs erreichte am Dienstag ein Niveau von 0,87 und befindet sich damit auf dem tiefsten Stand seit Anfang Mai 2020.

Der Hauptgrund für die Korrektur dürfte dabei im Optimismus begründet sein, dass Großbritannien im Hinblick auf die Coronavirus-Impfungen schneller Erfolg hat als die Europäische Union. Tatsache ist, dass die britische Impfkampagne besser läuft als in jedem anderen europäischen Land. Laut Boris Johnson sollen mindestens 15 Millio-nen Menschen mit der ersten Dosis geimpft worden sein. Deutschland als wichtigste Volkswirtschaft der EU hat im selben Zeitraum nur 2,8 Millionen Erstimpfungen durchgeführt. Kurzfristig könnte dieser Vorsprung die Erholung der britischen Wäh-rung weiterhin unterstützen. Langfristig entscheiden jedoch die fundamentalen Daten und die Folgen des Brexits, die den GBP erneut unter Druck setzen könnten.

Die Wirtschaft Großbritanniens erlebte 2020 einen historischen Einbruch. Das Brutto-inlandsprodukt fiel 2020 stärker als erwartet um 9,9 %. Verglichen mit den anderen G-7-Staaten (Italien - 8,8 %, Frankreich - 8,3 %, Deutschland - 5,0 %) wird deutlich, wie stark die britische Wirtschaft unter den Folgen der auferlegten Corona-Beschränkungen leidet. Begründen lässt sich dieser überproportionale Abschwung durch die wirtschaftliche Bedeutung des Dienstleistungssektors, dessen Anteil an der Bruttowertschöpfung knapp 80 % beträgt und von den Corona-Restriktionen beson-ders stark betroffen war.


Darüber hinaus stehen dem Sektor auch im Hinblick auf den Brexit schwere Zeiten bevor. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich bezieht sich nur auf den Güterverkehr, der Dienstleistungshandel ist darin nicht ge-regelt. Dies sorgt einerseits dafür, dass der dadurch entstehende bürokratische Mehraufwand erhöhte Kosten verursacht, zum anderen und bedeutend gravierender ist die Folge, dass die Freiheiten im Handel von der im Königreich ansässigen Unter-nehmen stark beschränkt werden. Dies könnte vor allem die wichtige Finanzdienstlei-tungsbranche dazu bewegen, ihre Aktivitäten in EU-Länder zu verlagern.

 

 Diagramm - Anteil der Wirtschaftssektoren am BIP


So ist es nicht verwunderlich, dass die London Chamber of Commerce & Industry (LCCI) die vorhandene Einigung als „No Deal Brexit“ für den Dienstleistungssektor bezeichnet. Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, beziffert den jährlichen Ver-lust allein für die Hauptstadt auf knapp 10 Mrd. Pfund.


Die schwachen Wirtschaftsdaten in Kombination mit dem unsicheren Wirtschafts-ausblick sollten mittelfristig dafür sorgen, dass der Aufwärtstrend der britischen Wäh-rung gegenüber dem Euro zumindest gestoppt wird.  Auch gegenüber dem US-Dollar wird es für das Pfund nicht leicht sein, weiter an Boden gut zu machen. In den USA sorgt eine gut laufende Impfkampagne  ebenso für Euphorie wie in Großbritannien. Zusätzlich befinden sich die Renditen von US-Staatsanleihen auf dem höchsten Stand seit einem Jahr. Ein Zeichen dafür, dass die Investoren davon ausgehen, dass das Konjunkturpaket von Präsident Biden die Konjunktur ankurbeln und letztlich zu einer höheren Inflation führen wird.

 

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