27.01.2020 ‐ Finanzmarkt aktuell

Tschechien vs. Ungarn: Wirtschafts- und Währungsentwicklung

Tschechien und Ungarn gehören hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung aktuell zu den erfolgreichsten Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

In Tschechien ist die Arbeitslosenrate seit Jahren mit Abstand die Niedrigste in der EU. Ungarn folgt bei der Arbeitslosenrate gleich hinter Tschechien. Beim Wirtschaftswachstum belegt Ungarn ebenfalls den zweitbesten Rang in der EU (nach Irland).

Die politische Situation in Tschechien ähnelt seit einigen Jahren den ungarischen Verhältnissen: ein starker Premierminister, der in Westeuropa als Populist betrachtet wird, und eine zersplitterte Opposition.

Im Gegensatz zu den kleineren mittel- und osteuropäischen EU-Staaten behalten beide Länder bewusst ihre Landeswährungen. Die Einführung des Euro ist nicht in Sicht. An den Kursentwicklungen dieser Währungen ist jedoch ein markanter Unterschied zwischen Tschechien und Ungarn erkennbar:

Die tschechische Krone wertet seit der Einführung des Euro gegenüber der Gemeinschaftswährung kontinuierlich auf. Sie war schon mehrmals über längere Zeiträume die Währung mit der besten Performance weltweit. Der ungarische Forint schwächelt hingegen langfristig und erreicht im Jänner 2020 einen neuen historischen Tiefstwert.

Die wesentlichste Ursache für die unterschiedlichen Wechselkursentwicklungen liegt in der Geldpolitik begründet.

 

Die Tschechische Nationalbank verfolgt seit 10 Jahren ein Inflationsziel von 2 %. Als im Herbst 2013 eine Deflation drohte, beschloss die Nationalbank die Krone abzuschwächen und den EUR/CZK Kurs über 27,00 zu halten. Als die Inflationsrate 2017 den Zielwert übertraf, wurde die Wechselkurs-Untergrenze aufgehoben. Noch im selben Jahr traute sich die Zentralbank als erste in der EU die Zinsen anzuheben. Bis heute hat sie den Leitzinssatz bereits 8-mal auf aktuell 2,0 % erhöht. Weil die Inflationsrate seit November 2019 über 3 % liegt (d.h. oberhalb des Korridors von ±1 % um den Zielwert), erwarten einige Finanzmarktteilnehmer eine weitere Zinserhöhung. Die CZK erreicht im Jänner 2020 den stärksten Wert seit 7 Jahren. (Wir glauben, dass der Leitzinssatz mit Rücksicht auf die externen Risiken bis Jahresende unverändert bleiben wird.)

 

In Ungarn wird seit 2007 ein Inflationsziel von 3 % verfolgt. Das heißt, selbst wenn die Inflation in Tschechien wie auch in Ungarn am Ziel wäre, müsste der HUF jedes Jahr gegenüber der CZK um 1 % abwerten, damit sich der Kaufkraftunterschied nicht ändert. Die Verbraucherpreise steigen in Ungarn aktuell um 4 %. Die Ungarische Nationalbank reagiert im Gegensatz zu ihrem tschechischen Pendant nicht mit einer geldpolitischen Straffung auf das Überschießen des Inflationsziels. Der Leitzinssatz liegt seit 2016 am Rekordtief bei 0,90 %, der Einlagen-Zinssatz ist sogar negativ und die kurzfristigen Marktzinsen bewegen sich um 0,20 %. Damit liegt der Realzinssatz mit ca. -3 % noch tiefer im negativen Bereich als in den deutschsprachigen Ländern. Dazu kommt, dass Ungarn eine negative Leistungsbilanz aufweist, während tschechische Nettoexporte trotz gestiegener Inlandsnachfrage positiv bleiben. Vieles spricht also dafür, dass die gegenläufige Kursentwicklung der Währungen Tschechiens und Ungarns nachhaltig sein könnte.

Die größten Risiken für die beiden Volkswirtschaften kommen von außen. Sowohl in Tschechien als auch in Ungarn spielt die exportorientierte Automobilindustrie eine sehr wichtige Rolle und beide Länder sind stark von der Konjunkturlage in Deutschland abhängig.

 

Wir erwarten für Tschechien, wie auch für Ungarn während des Jahres 2020 eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums, wobei die Konjunktur nach wie vor robuster bleiben wird als im Euroraum. Der Kurs der Krone dürfte nach der jüngsten Aufwertung gegenüber dem Euro über das Jahr 2020 hinweg relativ stabil bleiben, während beim Forint eine weitere, wenn auch nicht dramatische, Abwertung möglich ist.

 

Diese Unterlagen dienen lediglich der aktuellen Information und basieren auf dem Wissens-stand der mit der Erstellung betrauten Personen zum Erstellungszeitpunkt. Diese Unterlagen sind weder Angebot noch Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der hier erwähnten Veranlagungen bzw. (Bank-)Produkte. Sämtliche in diesem Dokument enthaltenen Aussagen sind nicht als generelle Empfehlung zu werten. Obwohl wir die von uns beanspruchten Quellen als verlässlich einschätzen, übernehmen wir für die Vollständigkeit und Richtigkeit der hier wiedergegebenen Informationen keine Haftung. Insbesondere behalten wir uns einen Irrtum in Bezug auf Zahlenangaben ausdrücklich vor. Die Angaben gemäß § 25 Mediengesetz finden Sie unter diesem Link.